Diskussion um das Humboldt-Forum: Frank Holl nimmt Stellung zur Antwort der Initiative »No Humboldt 21« auf seinen Offenen Brief

Logo der Initiative "NoHumboldt21" - Moratorium für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss
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Wie avhumboldt.de bereits berichtete, gründete sich im Juni diesen Jahres die Initiative »No Humboldt 21«. Auf die durch die Initiative veröffentlichte Resolution vom 3. Juni 2013 antwortete der international bekannte Alexander von Humboldt-Kurator und Historiker Dr. Frank Holl in einem Offenen Brief vom 22. Juli 2013.

Am 10. Oktober 2013 haben Vertreter der Bündniskampagne auf dieses Schreiben ausführlich reagiert. In der Einleitung zu ihrem Antwort-Brief schreibt Christian Kopp in Vertretung der Organisationen des Koordinationskreises:

Sehr geehrter Herr Holl,

haben Sie Dank für Ihren Offenen Brief zu Alexander von Humboldt. Wir wissen es zu schätzen, dass Sie als ausgewiesener Spezialist ausführlich auf unsere Kritik an einem der beiden Namensgeber des Humboldt-Forums eingehen. Auch wenn die Humboldt-Kritik nur einen Aspekt unserer umfassenden und grundsätzlichen Infragestellung des Gesamtprojekts darstellt, halten wir diese Debatte für wichtig. Denn Humboldts Name steht ja für den Geist des Ganzen und ist insofern mit allen anderen Aspekten des Kulturprojekts eng verbunden. >> Weiterlesen

Auf die Argumente der Initiative »No Humboldt 21« hat Frank Holl nun erneut geantwortet. Auch dieses Schreiben gibt avhumboldt.de als Beitrag zur Diskussion im Folgenden in voller Länge wieder:

[die Verlinkung der Fußnoten funktioniert zur Zeit nicht. – Red. avhumboldt.de]

München, 26. Oktober 2013

Sehr geehrter Herr Kopp,

besten Dank für die Übersendung Ihrer Antwort vom 10. Oktober 2013 auf meinen Offenen Brief vom 22. Juli 2013.

Im Jahr 1856 erschien in den USA eine englischsprachige Ausgabe von Alexander von Humboldts Politischem Essay über die Insel Kuba. Darin war das Kapitel, in dem er die Sklaverei als „das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt haben“[1] bezeichnet, weggelassen worden. Dadurch musste der Eindruck entstehen, Humboldt wäre ein Anhänger der Sklaverei. Aufs Schärfste protestierte der Forscher in einer Presseerklärung, die in den USA und Deutschland erschien. Darin heißt es unter anderem: „Ein beharrlicher Verteidiger der freiesten Meinungsäußerung in Rede und Schrift, würde ich mir selbst nie eine Klage erlaubt haben, wenn ich auch mit großer Bitterkeit wegen meiner Behauptungen angegriffen werde.“[2] In diesem Sinn habe ich die Redaktion von avhumboldt.de gebeten, Ihrem Wunsch nachzukommen, einen Link zu Ihrer Antwort zu setzen.

Bei der Lektüre Ihres Textes drängen sich mir viele Fragen auf. Ich möchte mich hier auf einige wenige beschränken:

Wie hätte Humboldt die spanischen Kolonien ohne Erlaubnis und logistische Hilfe seitens der spanischen Machthaber erforschen sollen? Inwiefern hat sich Humboldt, wie Sie behaupten, an der Kolonisierung Lateinamerikas beteiligt, wenn er doch den Kolonialismus bereits während seiner Reise in seinen Tagebüchern vehement verurteilt und diesen kurz nach seiner Rückkehr nach Europa auch öffentlich scharf angeprangert hat?[3] Inwiefern produzierte Humboldt Herrschaftswissen, wenn doch seine Tablas geográfico políticas del Reino de Nueva España, die er 1803 dem Vizekönig Neuspaniens überreichte, bald auch in handschriftlich kopierten Exemplaren zirkulierten und vor allem denjenigen nutzten, die die spanische Regierung stürzen wollten?[4] Welche politischen Maßnahmen hätten Sie an Humboldts Stelle für einen Kontinent vorgeschlagen, dessen Kolonialisierung bereits 300 Jahre zuvor begonnen hatte und dessen Sozial- und Wirtschaftsstrukturen sich im Lauf dieser Zeit massiv verändert hatten? Hätte er fordern sollen, dass alle Weißen sofort den amerikanischen Kontinent verlassen? Warum verurteilen Sie jemanden, der, wie Sie selbst schreiben, auf die Teilhabe indigener Menschen drängt? Was bringt Sie zur Annahme, dass Humboldt an erster Stelle das „Glück der Weißen“, die Amerika kolonisierten, am Herzen lag? Wie kommen Sie zu der Behauptung, dass für jemanden, der, wie Humboldt, verlangte, „dass die unglücklichen Sklaven Bauern, Pächter und Grundbesitzer werden“[5], die „Fortschritte der Zivilisation“ und die „Vervollkommnung der gesellschaftlichen Ordnung“ selbstredend Errungenschaften weißer Europäer waren? Inwiefern beteiligte sich Humboldt an einer Konstruktion menschlicher „Rassen?“[6][7] Warum halten Sie Humboldt als Vorbild und Identifikationsfigur ungeeignet, wenn er doch an prominenter und vielgelesener Stelle forderte, „die gesamte Menschheit ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe, als Einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung Eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft, bestehendes Ganzes zu behandeln“?[8]

In der oben genannten Presseerklärung aus dem Jahr 1856 besteht Alexander von Humboldt auf dem ungehinderten, unzensierten Zugang zu seinen Texten. Über sein in den USA komplett zensiertes Kapitel gegen die Sklaverei schreibt er: „Auf diesen Teil meiner Schrift lege ich eine weit größere Wichtigkeit als auf die mühevollen Arbeiten astronomischer Ortsbestimmungen, magnetischer Intensitäts-Versuche oder statistischer Angaben.“[9]

In diesem Sinn möchte ich alle Interessierten bitten, Humboldts politische Texte, besonders seine kolonialkritischen Schriften[10] zu lesen, und zwar unvoreingenommen. Ich bitte Sie alle, sich dabei zu fragen, ob sich die Behauptung, Humboldt habe sich, wie Sie, Herr Kopp, meinen, bewusst und maßgeblich an der Kolonisierung Lateinamerikas beteiligt, aufrecht erhalten lässt, und ob er tatsächlich, wie Sie schreiben, für unsere globalisierte Migrationsgesellschaft als Namens- und Ideengeber, als Vorbild und Identifikationsfigur ungeeignet ist.

Mit freundlichen Grüßen,

Frank Holl

 


[1] Alexander von Humboldt: ›Essai politique sur l’île de Cuba‹(›Politischer Versuch über die Insel Cuba‹), zit. nach der deutschen Übersetzung: Alexander von Humboldt: Cuba-Werk. Hg. von Hanno Beck. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, 1992, S. 156.

[2] Alexander von Humboldt: »Insel Cuba«. In: Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, Nr. 172, 25. Juli 1856, S. 4. Zit. nach Ingo Schwarz (Hg.): Alexander von Humboldt – Samuel Heinrich Spiker: Briefwechsel. Hg. unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin: Akademie-Verlag, 2007, S. 383.

[3] z. B. durch seine Anklage gegen die Sklaverei in: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland: Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer […]. Paris: Schoell, und Tübingen: Cotta, 1807, S. 171 und seine umfangreiche Kritik an der Unterdrückung der Indianer und der afrikanischen Sklaven sowie seine damit verbundenen Forderung nach der rechtlichen Gleichstellung aller Bürger in seinem Politischen Essay über das Vizekönigreich Neu-Spanien (1808-1811) und seiner Relation Historique (1814-1831). Dazu ausführlich Frank Holl: Alexander von Humboldt – „Geschichtsschreiber der Kolonien“, 2004 (PDF-Datei im Goethezeitportal) http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/ahumboldt/holl_kolonialismus.pdf

[4] Vgl. ebd. (Holl: Geschichtsschreiber), S. 18 f.

[5] Alexander von Humboldt im Jahr 1822 in seiner Relation historique. Zitiert nach der deutschen Ausgabe: Alexander von Humboldt: Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents. Hg. von Ottmar Ette. 2 Bde. Frankfurt: Insel 1999, hier Bd. 1, S 629.

[6] Der Begriff „Rasse“ war zu dieser Zeit nicht per se negativ konnotiert. Auch heute noch findet man ihn in positiver Bedeutung. So lautet der Wahlspruch der UNAM (Autonome Universität von Mexiko): „Por mi raza hablará el espíritu“ (Aus meiner Rasse wird der Geist sprechen).

[7] Wo finden Sie in meinen Texten die mir unterstellte Formulierung dass es sich lediglich um „Indianerskelette“ gehandelt habe, die Humboldt geraubt hat? Warum werfen Sie jemanden wie Humboldt, der dieses Unrecht in all seinen Berichten öffentlich bereut hat und es selbst publik gemacht hat, dieses Vergehen auch fortan vor? Vgl. dazu Frank Holl: „Die zweitgrößte Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei …“ Daniel Kehlmanns neu erfundener Alexander von Humboldt, in HiN – Alexander von Humboldt im Netz, XIII, 25 (2012) http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/humboldt/hin/hin25/holl.htm

[8] Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Bd. 1, 1845, S. 385. Zit. nach der Ausgabe der Anderen Bibliothek, ediert von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Frankfurt am Main: Eichborn, 2004, S. 187. Mit dieser Textstelle zitiert Alexander seinen Bruder Wilhelm.

[9] Alexander von Humboldt: »Insel Cuba«. In: Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, Nr. 172, 25. Juli 1856, S. 4. Zit. nach Ingo Schwarz (Hg.): Alexander von Humboldt – Samuel Heinrich Spiker: Briefwechsel. Hg. unter Mitarbeit von Eberhard Knobloch. Berlin: Akademie-Verlag, 2007, S. 383.

[10] z. B. in: Alexander von Humboldt – Mein vielbewegtes Leben. Der Forscher über sich und seine Werke. Ausgewählt und mit biographischen Zwischenstücken versehen von Frank Holl. Frankfurt und Berlin: Eichborn, 3. Auflage 2010. Wer sich rasch über das Weltbild Humboldts informieren möchte, findet Zitate zu Kolonialismus, Rassismus, Menschenrechten, Ökologie, globalem Denken etc. in: Frank Holl (Hg.): Alexander von Humboldt – Es ist ein Treiben in mir. Entdeckungen und Einsichten. München: dtv, 2009.

Zum Verfasser:

Der Historiker Frank Holl hat in Lateinamerika und Europa zahlreiche Ausstellungen zu Alexander von Humboldt kuratiert. Sein Buch „Alexander von Humboldt – mein vielbewegtes Leben“ wurde 2009 als „Historisches Buch des Jahres“ ausgezeichnet.

Tobias Kraft

Tobias Kraft ++ Redaktionsleitung avhumboldt.de (früher Humboldt im Netz) seit 2001 sowie Mitglied im Editorial Board des Open Access Journals HiN - Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien seit 2002 ++ Studium der Romanistik, Germanistik, Medienwissenschaft und Geschichte an der Universität Bonn und an der Universität Potsdam ++ 2008-2013 Promotion zu Alexander von Humboldt am Lehrstuhl für französisch- und spanischsprachige Literatur (Prof. Dr. Ottmar Ette), Institut für Romanistik, Universität Potsdam ++ seit Januar 2015 Arbeitsstellenleiter im Langzeitvorhaben "Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung" (AvH-R) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Ein Gedanke zu „Diskussion um das Humboldt-Forum: Frank Holl nimmt Stellung zur Antwort der Initiative »No Humboldt 21« auf seinen Offenen Brief

  • November 16, 2013 um 18:30
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Kopp,

    Mit großem Erstaunen lese ich an dieser Stelle Ihre Ausführungen im Namen der Initiative „No Humboldt 21“. Was verwundert mich? Seit etwa 14 Jahren recherchiere ich auf Alexander von Humboldts Spuren in Lateinamerika, in ständigem Kontakt zur afroamerikanischen und indigenen Bevölkerung. Elf Jahre lebte ich mit ihnen in Ecuador und Kolumbien eng zusammen. Seien Sie versichert: Humboldt wird von der breiten Mehrheit der Lateinamerikaner heute geschätzt ob seiner klaren Position für eine Befreiung und gegen jegliche Ausbeutung der Ureinwohner; viele verehren ihn dafür gar.

    Aber auch als Journalist für Themen aus Wissen, Wirtschaft und Kultur komme ich in Südamerika an Humboldts Erbe nicht vorbei. Der Historiker Frank Holl, dessen Antworten auf Ihre Briefe ich uneingeschränkt unterstütze, hat Ihnen auf dieser Plattform zahlreiche Beispiele aus Humboldts Schriften entgegen gehalten, die Alexander von Humboldts kolonialkritische und menschenrechtliche Grundhaltung gerade wegen seiner besonderen Erfahrungen in Lateinamerika untermauern und ihn als Namensgeber für das Humboldt-Forum mehr als qualifizieren. Humboldt spricht hier eine eindeutige Sprache.

    Ohne Frage sehe ich und gestehe auch Ihnen und den sieben angeschlossenen Gruppierungen, die Ihren Brief vom 10.10.2013 unterzeichnet haben, zu, dass Humboldt als Wissenschaftler, Schriftsteller und Weltreisender vor über 200 Jahren Dinge gesammelt, geschrieben und erlebt hat, wie wir es so heute nicht mehr tun würden. Natürlich ist das Sammeln von menschlichen Skeletten aus heutiger Sicht verwerflich. Gar progressiv hat sich die Ethnologie seit Humboldt deutlich weiter entwickelt und ist nicht bei der Bestimmung von „Rassen“ verharrt, hat sie wohltuend auch zu einem zeitgemäßen und respektvollen Sprachgebrauch gefunden. Und zum Glück sind ein Reisepass und ein Visum für Amerika heute zwar noch dem Zugriff von Behörden und Geheimdiensten ausgesetzt, jedoch für uns Europäer nicht mehr mit Agreements mit Königen verknüpft. Ohne Frage waren Bücher Anfang des 19. Jahrhunderts teuer und damit Medien der lesenden Oberschicht. Nicht von ungefähr hat Humboldt seine 61 universitären und 16 öffentlichen Kosmos-Vorlesungen vor einem Publikum aller Klassen und ohne Eintritt zu erheben vorgetragen.

    Ich möchte Sie sogar dahingehend unterstützen, dass es über stadtplanerische, bauliche, finanzielle und auch inhaltliche Aspekte des Humboldt-Forums in Berlin noch erheblichen, partizipativen Diskussionsbedarf gäbe. Keineswegs sehe ich das Stadtschloss und das Humboldt-Forum unkritisch, ich hege gar persönliche Bedenken, ob der vorgesehene Bau und seine künftige Nutzung nach derzeitigem Stand tatsächlich gut, sinnvoll und angemessen nützlich sein wird.

    Aber den Wissenschaftler Alexander von Humboldt zum Argument gegen das Humboldt-Forum zu machen, ihm posthum zu unterstellen, er habe sich „mit seiner mehrjährigen Forschungsreise bewusst und maßgeblich an der Kolonisierung Lateinamerikas beteiligt“, ist eine unseriöse Verdrehung. Humboldt hat sich bewusst und immer vehementer gegen Kolonialisierung, gegen die Ausbeutung und Entrechtung der Einheimischen und gegen die „Schandtat des Sklavenhandels“ ausgesprochen und persönlich verwendet! Neben seiner transdisziplinär angelegten naturwissenschaftlichen Forschung gehörten sein Zuhören, seine Solidarität und seine Überzeugung von der notwendigen Abschaffung des kolonialen Unrechtssystems immanent zu dieser Amerikareise und seinen darauf aufbauenden Schriften. Damit hat er in Lateinamerika fürwahr einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

    Ich appelliere an Sie, Geschichte hier nicht zu verdrehen. Das darf man vielleicht, wenn man einen Roman schreibt wie Daniel Kehlmann, nicht aber, wenn man einen wirklichen Wissenschaftler und Menschenrechtler Alexander von Humboldt in seinem Engagement gegen ungerechte Lebensverhältnisse beurteilt. Sie setzen hier argumentativ auf das falsche Pferd. Würden Sie Humboldt unvoreingenommen lesen und wissenschaftliche Standards wie auch bestimmte sprachliche Formulierungen aus dem historischen Kontext heraus verstehen, so träfen sie sehr bald auf einen Humboldt, der Ihre hehren kolonialkritischen Ideen weitestgehend sogar unterstützt.

    Mit freundlichen Grüßen.

    Peter Korneffel, Berlin

    Antwort

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