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Offener Brief an die Initiatoren der »No Humboldt 21«-Initiative

Logo der Initiative »No Humboldt 21« - Moratorium für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss

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Kürzlich gründete sich im Zuge der Diskussion um das Berliner Humboldt-Forum die Initiative »No Humboldt 21«. In der durch die Initiative veröffentlichten Resolution vom 3. Juni 2013 heißt es unter anderem:

Die „Erforschung außereuropäischer Kulturen“ wird nicht problematisiert.

Die Erkundung der Welt und ihrer Menschen durch europäische „Forscher“ war über Jahrhunderte hinweg ein koloniales Projekt und trägt bis heute zur Kontrolle und Ausbeutung des Globalen Südens bei. An diesem Projekt war auch einer der beiden Namensgeber des geplanten Forums, Alexander von Humboldt, wesentlich beteiligt. Denn an den Ergebnissen seiner Reisen in Süd- und Mittelamerika waren vor allem das spanische Königshaus und das auf Völkermord und Sklaverei basierende Kolonialregime vor Ort interessiert, die ihn nach Kräften unterstützten. Entsprechend verkörpert Preußens „wahrer Entdecker Amerikas“, der sogar bestattete Menschen raubte und nach Europa verschiffte, koloniale Dominanz. Als Namensgeber für ein interkulturelles Zentrum ist Humboldt nicht geeignet.

Offenbar haben sich die Verfasser nie genauer mit der politischen Haltung Alexander von Humboldts und seinen antikolonialen Texten beschäftigt. Um die Diskussion zu versachlichen, hat der langjährige Kurator und Humboldt-Forscher Frank Holl einen offenen Brief verfasst, den avhumboldt.de als Beitrag zur Diskussion im Folgenden in voller Länge wiedergibt:

Alexander von Humboldt – ein Repräsentant des europäischen Kolonialismus?

Offener Brief an die Initiatoren von „No Humboldt21 – Moratorium für das Humboldt-Forum im Berliner Schloss“

von Frank Holl

München, 22. Juli 2013

Sehr geehrte Initiatoren,

in Ihrer Resolution vom 6. Juni 2013 werfen Sie Alexander von Humboldt „koloniale Dominanz“ vor und halten ihn deshalb nicht geeignet, als Namensgeber für das geplante interkulturelle Forum in Berlin zu dienen. Sie schreiben: „An den Ergebnissen seiner Reisen in Süd- und Mittelamerika waren vor allem das spanische Königshaus und das auf Völkermord und Sklaverei basierende Kolonialregime vor Ort interessiert, die ihn nach Kräften unterstützten. Entsprechend verkörpert Preußens »wahrer Entdecker Amerikas«, der sogar bestattete Menschen raubte und nach Europa verschiffte, koloniale Dominanz.“

War Alexander von Humboldt tatsächlich ein Repräsentant des europäischen Kolonialismus? Zwischen 1799 und 1804 bereiste er die spanischen Kolonien in Lateinamerika. „Die Idee der Kolonie selbst“, schrieb er im Jahr 1803 in sein Reisetagebuch, „ist eine unmoralische, diese Idee eines Landes, das einem anderen zu Abgaben verpflichtet ist, eines Landes, in dem man nur zu einem bestimmten Grad an Wohlstand gelangen soll, in welchem der Gewerbefleiß, die Aufklärung sich nur zu einem bestimmten Punkt ausbreiten dürfen.“ Scharf kritisierte er das dort begangene Unrecht: „Den Indios geht es wie den Afrikanern: Werden sie nicht gerade totgeschlagen, heißt es, es gehe ihnen gut.“ Und er notierte: „Je größer die Kolonien sind, je konsequenter die europäischen Regierungen in ihrer politischen Bosheit sind, umso stärker muss sich die Unmoral der Kolonien vermehren.“

Den Nachbarn der spanischen Kolonialherren, den portugiesischen Machthabern in Brasilien, war Humboldts politische, antikoloniale Haltung bekannt. Im Jahr 1800 erließen sie einen Haftbefehl, der im Falle seines Grenzübertritts aus den spanischen Kolonien nach Brasilien zum Einsatz kommen sollte. Begründung: der Forscher trage „neue Ideen und verfängliche Prinzipien“ in das portugiesische Kolonialgebiet. In all seinen Schriften verteidigte Humboldt die Menschen- und Bürgerrechte, klagte die Sklaverei an und setzte sich für den Respekt gegenüber indigenen Kulturen ein. Sein „Politischer Essay über Neu-Spanien (– das spätere Mexiko)“, den er zwischen 1808 und 1811 veröffentlichte, endet mit den Worten: „Das Glück der Weißen ist aufs Innigste mit der kupferfarbenen Rasse verbunden. Es wird in beiden Amerikas überhaupt kein dauerndes Glück geben, als bis diese, durch lange Unterdrückung zwar gedemütigte, aber nicht erniedrigte Rasse alle Vorteile teilt, welche aus den Fortschritten der Zivilisation und der Vervollkommnung der gesellschaftlichen Ordnung hervorgehen.”

Diesen politischen Essay, vor allem die darin enthaltenen statistischen Angaben, nutzte im Jahr 1824 die mexikanische verfassungsgebende Versammlung bei der liberalen Neuordnung des Landes. Der mexikanische Historiker und Politiker Lucas Alamán schrieb im selben Jahr an Humboldt: „Die Lektüre dieses Werkes hat nicht wenig dazu beigetragen den Geist der Unabhängigkeit zu beleben, der bei vielen Einwohnern aufgekeimt war, und die anderen aus einer Lethargie zu wecken, in der sie durch eine fremde Herrschaft gehalten wurden.”

In Ihrem Manifest „No Humboldt21“ werfen Sie Alexander von Humboldt vor, bestattete Menschen geraubt und nach Europa verschifft zu haben. In der Tat hat Humboldt im Jahr 1800 drei Indianerskelette nach Europa geschickt, um sie durch seinen Göttinger Lehrer, den Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach, untersuchen zu lassen. Allerdings hat Humboldt selbst den Widerspruch zwischen der damaligen Forschungspraxis und der moralischen Verantwortung des Wissenschaftlers in all seinen Texten reflektiert: „Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe!“ In Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ wird der Raub der dort fälschlicherweise als „Indianerleichen“ bezeichneten Skelette thematisiert. Humboldts humanistische Haltung und sein politisches Engagement hingegen ignoriert der Autor. Dass der Forscher selbst während seiner Reise persönlich gegen Unrecht und Grausamkeiten einschritt, findet bei Kehlmann keine Beachtung. So verhinderte Humboldt kurz vor der Ankunft in Cartagena, dass Mitglieder der Mannschaft des Schiffes, auf dem er als Passagier mitfuhr, entlaufenden Sklaven „ein Dutzend Kugeln in den Leib“ jagten. In sein Tagebuch notierte er damals: „Wie unwirtbar macht europäische Grausamkeit die Welt.“ Eurozentristische Überheblichkeit kritisierte er bis zu seinem Lebensende. Im Jahr 1857 äußerte der 87-Jährige: „Ich habe bei den sogenannten »wilden« Völkern die erhabensten Begriffe von Gott, Tugend, Freundschaft in den Anfängen ihrer Sprache gefunden, in deren tiefe Wahrheit mich hineinzudenken mir nur gelang, wenn ich mich ganz von europäischen Anschauungen, zumal von Äußerlichkeiten, im Geiste losmachte.“

Es ist vollkommen richtig, dass die Diskussion um das Humboldt-Forum mit großem Engagement geführt wird. Allerdings sollte es ein Zeichen von Fairness gegenüber der kritisierten historischen Person und der Öffentlichkeit sein, seine Argumentation auf Fakten und nicht auf Vorurteile zu gründen und sein Wissen nicht vorwiegend aus einem Roman zu schöpfen.

Zum Verfasser:

Der Historiker Frank Holl hat in Lateinamerika und Europa zahlreiche Ausstellungen zu Alexander von Humboldt kuratiert. Sein Buch „Alexander von Humboldt – mein vielbewegtes Leben“ wurde 2009 als „Historisches Buch des Jahres“ ausgezeichnet.

Weiterführende Literatur mit Quellenbelegen:

Frank Holl: Alexander von Humboldt – „Geschichtsschreiber der Kolonien“, 2004 (PDF-Datei im Goethezeitportal)

Frank Holl: „Die zweitgrößte Beleidigung des Menschen sei die Sklaverei …“ Daniel Kehlmanns neu erfundener Alexander von Humboldt, in: HiN – Alexander von Humboldt im Netz, XIII, 25 (2012)

 

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  1. Diskussion um das Humboldt-Forum: Frank Holl nimmt Stellung zur Antwort der Initiative »No Humboldt 21« auf seinen Offenen Brief | avhumboldt.de

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