Sibirische Pest und Social Distancing: Humboldts Reise zum Altai im Jahr 1829

Sibirische Pest und Social Distancing:

Humboldts Reise zum Altai im Jahr 1829

Kainsk, Sibirien. Es ist der frühe Morgen des 29. Juli 1829. Alexander von Humboldt ist an einem Ort, an dem er nie hätte sein sollen, und er steht vor einer äußerst schwierigen Entscheidung. Vor dreieinhalb Monaten ist er von Berlin aus zu seiner zweiten großen hemisphärischen Reise aufgebrochen, nach Russland und Sibirien, dem lang ersehnten Pendant zur Expedition in die Tropen Amerikas (1799–1804), die ihn weltberühmt gemacht hat. Mehrere Tausend Werst haben er und seine wissenschaftlichen Begleiter Christian Gottfried Ehrenberg und Gustav Rose seit der Abreise am späten Abend des 12. April 1829 in ihren Kutschen bereits zurückgelegt.

Eduard Gärtner: Fernblick Moskau. Märkisches Museum/Stiftung Stadtmuseum Berlin

Ihr Weg hat sie durch das Baltikum nach Sankt Petersburg an den kaiserlichen Hof, über Moskau, Nischni-Nowgorod, Kazan und Perm nach Jekaterinburg und von dort zu den Bergwerken und Goldwäschen des Nördlichen Ural geführt, anschließend nach Tjumen, Tobolsk und Tara bis nach Kainsk. Seinen ursprünglichen, mit den russischen Behörden penibel abgestimmten Planungen zufolge hätte Humboldt nie in dieser kleinen Stadt mitten in der Steppe des westsibirischen Tieflands eintreffen sollen. Die offizielle Route sah von Tobolsk aus die Weiterfahrt nach Omsk vor, das den östlichsten Punkt der Reise markieren sollte. Doch Humboldt verfolgt insgeheim andere Pläne.

Humboldts geheimer Plan

Wann immer es geht, lässt er die Reisewagen auch nachts durchfahren. Die allerorten für ihn ausgerichteten Empfänge und Ehrungen sowie „die ewigen Besuche von Degenträgern“ erträgt er mit Fassung, aber voller Ungeduld. Humboldt will nicht aufgehalten werden, keine Zeit verlieren. „Bis jetzt haben wir in unserer vorgeschriebenen Rechnung einige Tage gewonnen“, berichtet er seinem Bruder Wilhelm am 21. Juni 1829 aus Jekaterinburg und deutet an, seine Reise „etwas östlicher“ fortsetzen zu wollen. Rund drei Wochen später lässt er die Katze aus dem Sack: Er plant einen Umweg von einigen Tausend Werst, der ihn bis weit nach Sibirien und zur Grenze nach China führen soll. „Wir gehen direkt nach Tobolsk, nach Omsk (vielleicht über Barnaul) in den Altai“, heißt es in seinem Brief an Wilhelm vom 14. Juli 1829. Wenige Tage später konkretisiert er seine Pläne: „Alles geht nach Wunsch; und wir haben schon 10 bis 12 Tage gegenüber unserer Berechnung gewonnen, die wir am Altai oder hinter Omsk nutzen wollen, vielleicht um Semipalatinsk an der chinesischen Grenze zu sehen.“

Gustav Rose: Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere, Bd. 1, Berlin 1837
Gustav Rose: Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere, Bd. 1, Berlin 1837, im Deutschen Textarchiv

Erst von Tobolsk aus offenbart Humboldt sich am 23. Juli, einen Tag bevor er mit seinem Aufbruch gen Altai Fakten schafft und aus dem Korsett der mit der russischen Regierung abgestimmten Reiseroute ausbricht, brieflich dem russischen Finanzminister. Georg von Cancrin hat die Expedition auf Kosten den Zaren initiiert und organisiert und mit Humboldt nicht nur die finanziellen Rahmenbedingungen, sondern auch einen Verzicht auf kritische Einlassungen und Veröffentlichungen über die politischen und sozialen Verhältnisse im zaristischen Russland ausgehandelt. Um seine eigenmächtige Abänderung der Route zu legitimieren, verweist Humboldt gegenüber Cancrin auf die bis dato eingesparte Zeit sowie die Gelegenheit zur Besichtigung der in Staatsbesitz befindlichen Bergwerke am Schlangenberg und stellt die Entdeckung unbekannter Pflanzen und Tiere in Aussicht. Zwischen den Zeilen lässt er jedoch durchblicken, dass ihm nur allzu bewusst ist, dass es sich um vorgeschobene Begründungen handelt und er gegen die einst getroffenen Vereinbarungen verstößt: „Es würde mich unendlich schmerzen, wenn ich ahnden könnte, daß Eurer Excellenz diese Excursion misfiele; aber Sie haben Selbst […] mir ganz überlassen, dahin meine Reise zu richten, wo ich nüzliche wissenschaftliche Zwecke zu erreichen hoffen könnte“ (Humboldt 2009a, 153f., Nr. 45).

Die Sibirische Pest
Chr. G. Ehrenberg: Tagebuch der russisch-sibirischen Reise 1829
Chr. G. Ehrenberg: Tagebuch der russisch-sibirischen Reise 1829

Kaum eine Woche später, am 29. Juli, steht Humboldt am frühen Morgen in Kainsk, einem „elende[n] Ort mit kleinen hölzernen Häusern“ im westsibirischen Tiefland, wo er offiziell nie hätte sein sollen. „[N]ous y reçûmes la nouvelle de la Peste Sibérienne à passer 400 W[erst] sans communication avec les habitans! Incertitude des plans“, vermerkt Humboldt in seinem Tagebuch zwischen den Ergebnissen einiger Messungen (Bl. 39v). Diesmal sind es keine Vorgaben der russischen Regierung, die seiner Weiterreise im Weg stehen; es ist die „üble Nachricht von Pestfällen“, wie Ehrenberg in seinem Tagebuch notiert (Bl. 39v). Wir „wollten am Morgen früh unsere Reise weiter fortsetzen, als uns der Isprawnick meldete, dass in den folgenden Dörfern auf der Strasse nach Tomsk die sibirische Pest wüthe“, heißt es in Roses Reisebericht. Dass es sich bei dieser Krankheit ursprünglich um eine Viehseuche handelt, wodurch die regelmäßigen Pferdewechsel erschwert oder gar unmöglich werden, ist noch die geringste Sorge der Forschungsreisenden, denn auch für Menschen ist die Seuche unter dem Namen „Brandblattern“ höchst gefährlich. Örtlichen Berichten zufolge handelt es sich um einen „Typhus, der, ohne ärztliche Hülfe, am 5. Tage […] mit dem Tode endigt“, wie Humboldt seinem Bruder am 4. August 1829 schreibt. Damit ist Humboldts gesamte Unternehmung, die dem engen Zeitplan mühevoll abgetrotzte und gegen die behördlichen Restriktionen behauptete Gelegenheit zur Weiterreise in den Altai, in Frage gestellt, denn „einen anderen Weg nach Barnaul einschlagen konnten wir nicht, da es keinen andern gab, oder derselbe mit einem zu grossen Verlust an Zeit verbunden gewesen wäre“ (Rose 1837/1842, I, 499).

Wissenschaftlicher Rat – Risikoabwägung – Kontaktvermeidung
Alexander von Humboldt, Briefe aus Russland 1829, Berlin: Akademie-Verlag 2009.
Alexander von Humboldt, Briefe aus Russland 1829, Berlin: Akademie-Verlag 2009.

Was tut Humboldt? Wie reagiert er auf die Situation, in der er seine Reisepläne und Forschungsvorhaben ebenso in Gefahr sehen muss wie Leib und Leben. Dass er bereit ist, für den Erkenntnisgewinn hohe Risiken einzugehen, hat er bereits während seiner Amerikanischen Reise hinlänglich bewiesen. Dies heißt jedoch keineswegs, dass Humboldt sich blindlings, ohne Risikoabwägung und ohne Vorsichtsmaßnahmen in eine Region begeben würde, in der eine potenziell todbringende Seuche ausgebrochen ist. Vielmehr verschafft er sich alle verfügbaren Informationen über die Krankheit und die Lage vor Ort, um über sein weiteres Vorgehen zu entscheiden. Obgleich über die Ansteckungswege „viel Zweifel und Widerspruch“ bestehen (Humboldt 2009a, 161, Nr. 49), hält man „von Seiten der Stadt-Autorität nicht für nöthig die Reise abzuändern, aber Vorsicht anzuwenden“ (Ehrenberg: Tagebuch, Bl. 39v). Von einem örtlichen Mediziner, „der nie den Namen Berlin gehört hatte“ und zudem – Humboldt kann sich die Bemerkung im Brief an seinen Bruder nicht verkneifen – ein „schreckliche[s] Latein“ sprach, erfährt Humboldt „nach vielen Consultationen“ schließlich genug, um eine Strategie zum Umgang mit der Bedrohung zu entwickeln: Er verordnet seiner Reisegesellschaft ein striktes Kontaktverbot. Man begibt sich im Innern der Reisewagen in die Isolation. „[Wir] entschlossen […] uns nicht umzukehren, die Bedienten in’s Innere der Wagen zu nehmen, dass sie von den Kutschern (Sibirischen Bauern) nicht berührt würden, an keine Hütten zu treten“ (Humboldt 2009a, 161, Nr. 49). Zudem versehen Humboldt und seine Begleiter sich „mit Lebensmitteln, selbst mit Wasser auf mehrere Tage […], um nicht nöthig zu haben, in den Dörfern wo umgespannt würde, auszusteigen“ (Rose 1837/1842, I, 500).

Eine grosse Beschwerde

In den Dörfern, welche die Kutschen während der Fahrt durch die Barabinskische Steppe passieren, ist stets „ein kleines Lazareth eingerichtet“; es gibt viele Kranke, und die Reisenden erfahren, dass „in einem Tage bisweilen 4-5 Menschen starben“ (Rose 1837/1842, I, 501). Über einen Ort an der Wegstrecke heißt es: „Es liegen mehrere Kranke, einer ist gestorben. 100 Pferde sind crepirt.“ Am Abend des 29. Juli konstatiert Ehrenberg, der in seinen Aufzeichnungen jedes Frühstück sorgfältig festhält, lapidar: „Reise ohne Essen. Quarantaine“ (Bl. 40r). Mit zunehmender Dauer werden die selbstverordneten Schutzmaßnahmen, „das enge Beisammensein im Wagen“ in der mittäglichen Hitze „und die Entbehrung aller gewöhnlichen Bequemlichkeiten“, von der Reisegesellschaft zwar als „grosse Beschwerde“ empfunden. Doch nach einigen Tagen erreicht die isolierte Kutschengemeinschaft schließlich den Fluss Ob, an dem „auch die letzte Spur der Pest“ aufhört.

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