Ab Herbst 2016 in Berlin Marzahn: „Unholdt-Forum“ – ein Panoptikum von Maurice de Martin

[Hinweis: folgende Auszüge aus dem Exposé zu Maurice de Martins vierter Arbeit seines „Marzahn-Zyklus“ geben Ausblick auf ein Kunstprojekt, das diesen Herbst in Berlin Premiere feiern wird. Die Redaktion hat sich sehr über die Spitzen und die Satire des Projekts gefreut und fühlt sich geehrt, sich durchaus als Zielscheibe der Kritik fühlen zu dürfen.]

Kunstprojekt, Forschungsexpedition, Beutekunst-Bastelwerkstatt, Ausstellung und Arbeitstagung in Berlin-Marzahn von Maurice de Martin in Kooperation mit der Galerie M

Dialog der Kulturen in Marzahn?

Maurice de Martin
Maurice de Martin

(Quelle: Projektexposé, Maurice de Martin 2016) Mit dem UNHOLDT-FORUM (UF) entsteht ab Herbst 2016 in Marzahn-Hellersdorf ein einzigartiges Forum für Kunst- und Kulturerfahrung, das sich ganz dem Geiste Unholdt von Humboldts, eines lange verheimlichten Bruders der großen von Humboldts widmet. Unholdt von Humboldt (UvH) war -wie sein Name schon vermuten lässt- ein ziemlicher Waldschrat, ein ambivalenter, fast schon unheimlicher Widerspruchsgeist, aber zugleich genialer Zukunftsforscher, der es sich schon zu Lebzeiten zur Aufgabe gemacht hat, den Ursachen des wachsenden kulturellen Unbehagens unserer Tage auf den Grund zu gehen. Wenn die beiden berühmten Humboldts ihren exklusiven Hochkultur-Tempel im Zentrum der Stadt erhalten, dann ist es nur recht und fair, dass auch UvH sein eigenes Forum erhält! Der Künstler Maurice de Martin wird hierfür in Berlin-Marzahn einen Modell-Ort schaffen, der sich mit kritischer Phantasie dem Thema „Dialog der Weltkulturen“ annähert.

Paradoxale Anthropologie: „Erforscht Euch doch selbst!“

Diesem Prinzip folgend und zu Ehren von UvH‘s. 243sten Geburtstag wird sich der Künstler zusammen mit einer Gruppe Marzahner*innen (Alt-Eingesessene und Neu-Angekommene) auf eine anthropologische Forschungsexpedition ins Zentrum der Hauptstadt begeben. Kern des Vorhabens wird es sein, in die unterschiedlichen Kiez-Gemeinschaften vorzustoßen, um dort den im Großstadtalltag ganz natürlich sich vollziehenden „Dialog der Weltkulturen“ zu beobachten und über die innovative Methode des unholdtschen Schielblicks verbindliche Aussagen über den Realzustand der vielbemühten „preußischen Weltoffenheit“ treffen zu können. Zudem wird man aus dem zentralen HochkultUrwald markante Artefakte nach Marzahn überführen, die dort in einer „Beutekunst-Bastelwerkstatt“ in gemeinschaftlicher Arbeit beschrieben, kategorisiert, katalogisiert und zu einer originären ethnologischen Beutekunstsammlung assembliert werden. Diese Arbeit wird sich eingehend mit den aktuellen wie auch historischen Unterschieden zwischen Wunsch-Kultur und Ist-Kultur befassen und fokussiert sich wie bei den beiden anderen Humboldts auch auf eine detaillierte Vermessung der Welt. Nur passiert dies über eine paradoxale Anthropologie, multiperspektivisch aus der Peripherie ins (Diskurs)Zentrum schielend.

Was das „Humboldt-Forum“ nicht zeigen wird

In Rahmen der Ausstellung „Vom Unbehagen der Kultur(en)“ (Eröffnung Nov. 2016) wird das UF die Öffentlichkeit detailliert über die unholdtsche Sicht auf die Welt informieren. In Form eines klassischen Panoptikums werden sich der Künstler und die Projektbeteiligten dabei mit dem Phänomen eines elitär geleiteten, exklusiv-integrativen und total phantasielosen Kulturverständnisses auseinandersetzen, wie es gerade im historischen Zentrum unserer Stadt forciert wird. Im Kontrast hierzu wird den fremdartig-grotesken, ja sogar unheimlichen Seiten unserer Kultur(en) einen prominenten Platz eingeräumt, also alles gezeigt, was uns das „Humboldt-Forum“ vorenthalten will. Darüber hinaus haben wir hier erstmalig die Gelegenheit, den gesamten Bestand des bis dato in privater Hand sich befindlichen UvH-Nachlasses (Tagebücher, Expeditionsberichte etc.) aufzuarbeiten und öffentlich zu zeigen. Die Ausstellung wird durch die interdisziplinäre Arbeitstagung „Die Entdeckung des Fremden im Eignen“ abgerundet. Hier werden sich Expert*innen aus aller Welt über Vorträge wie „Unholdts Ethik der Nähe“, „Die Bedeutung der kleinen Dinge bei UvH“ und „Geschlechterdifferenz bei UvH“ der Figur UvHs diskursiv annähern.

Maurice de Martins Kunstprojekte

Der Künstler Maurice de Martin führt mit dem UF seine langzeitliche künstlerische Arbeit in Berlin-Marzahn fort. Nachdem er 2012 unter dem Titel „C-Zone-Reality-Check“ für Zentralberliner Bildungsbürger Kaffeefahren ins Marzahner Plattenbauviertel organisiert hat, dann dort über das Verhältnis von Arbeit und Kunst („Maurice ist da!“ 2013) und den Ort Bildungsinstitution als kollektives Kunstwerk („Temporäre Kunstakademie Marzahn“ 2014) gearbeitet hat, entwickelt er mit dem UF einen Aktionsraum, über den die historisch-humboldtsche Expeditionssituation persifliert wird. Darüber entsteht ein satirisch motiviertes, künstlerisches Forschungsmodell, das die klassischen Ideen von Hoch- & Tief- Über- & Unter-, Anti- & Universalkultur unter die Lupe nimmt, die offizielle Version des „Selbstverständnisses der Kulturnation Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts“ (Monika Grütters) auf den Zahn fühlt und es mit anschlussfähigen Widersprüchen unterfüttert.

Maurice de Martin

Tobias Kraft

Tobias Kraft ++ Redaktionsleitung avhumboldt.de (früher Humboldt im Netz) seit 2001 sowie Mitglied im Editorial Board des Open Access Journals HiN – Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien seit 2002 ++ Studium der Romanistik, Germanistik, Medienwissenschaft und Geschichte an der Universität Bonn und an der Universität Potsdam ++ 2008-2013 Promotion zu Alexander von Humboldt am Lehrstuhl für französisch- und spanischsprachige Literatur (Prof. Dr. Ottmar Ette), Institut für Romanistik, Universität Potsdam ++ seit Januar 2015 Arbeitsstellenleiter im Langzeitvorhaben „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ (AvH-R) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

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