Humboldts ›Bekenntnisse‹ von 1801 nach der Original-Handschrift aus den Amerikanischen Reisetagebüchern im Deutschen Textarchiv der BBAW

Ohne Zweifel sind diese echten ›Bekenntnisse‹ die interessantesten von allen autobiographischen Aufzeichnungen, die uns erhalten geblieben sind. Weil sie nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt waren, hat er hier keine Rücksichten auf Dritte genommen. Er hat seinen Werdegang nicht so geschildert, wie er ihn von der Umwelt gesehen wissen wollte, sondern ganz ungeschminkt so, wie er ihn selbst sah. (Kurt-R. Biermann)

Das vorstehende Zitat stammt aus einem Einleitungstext zu einem der vielen, von Kurt-R. Biermann zusammengestellten »Autobiographischen Bekenntnisse« (Biermann 1987) Alexander von Humboldts. Es mag – wenngleich im Detail womöglich etwas zu euphorisch, wie unten angedeutet wird – den besonderen Stellenwert dieses zentralen, 1801 in Santa Fe de Bogota begonnen Textes illustrieren, dessen digitale Edition hier angekündigt wird.

Dieses Manuskript, heute eingebunden in den Band VII a u. b der Amerikanischen Reisetagebücher Humboldts im Besitz der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB-PK, Nachlass A. v. Humboldt, Tagebuch VII a u. b, Bl. 134v–136v), umfasst auf fünf großformatigen und eng beschriebenen Seiten Humboldts »Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden 1769–1790« – so jedenfalls lautete der von Biermann gewählte Untertitel für seine Edition des Textes. Dieser erschien 2018 erneut, im Buch der Begegnungen des Potsdamer Romanisten Ottmar Ette, wiederum in einer Lesefassung und eingebettet in den Kontext weiterer (auto)biographischer Texte und Reflexionen über »Menschen – Kulturen – Geschichten aus den Amerikanischen Reisetagebüchern«.

Aufbauend auf diesen beiden Vorgänger-Editionen ist dieses wichtige Manuskript nun als frei zugänglicher elektronischer Volltext im Deutschen Textarchiv (DTA) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) verfügbar:

Humboldt, Alexander von: [Ich über mich selbst. Mein Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden 1769–1790.] In: Ders.: Tagebücher der Amerikanischen Reise, VII a u. b, Bl. 134v–136v. S[anta] Fe [de Bogotá], 1801 [mit späteren Ergänzungen]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_ich_1804>, abgerufen am 30.07.2019.
Die Wiedergabe des Textes folgt der handschriftlichen Vorlage, ohne ›stillschweigende Normalisierungen‹ etwa der Zeichensetzung oder der Rechtschreibung. Eingriffe in den Text werden sämtlich gemäß dem Vokabular der internationalen Text Encoding Initiative (TEI), genauer: dem darauf basierenden DTA-Basisformat für Manuskripte (vgl. dazu Haaf/Thomas 2017) ausgewiesen.

Referenzen auf Personen- und Ortsnamen werden, soweit diese eindeutig identifizierbar sind, durch persistente Identifikatoren der Gemeinsamen Normdatei (GND) für Personen bzw. der Datenbank GeoNames hinterlegt. Zugleich verweisen diese Einträge auf das Personen- bzw. Orts-Register der edition humboldt digital des Akademienvorhabens »Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung«. Einmal mehr wird dadurch die enge Verknüpfung und komplementäre Veröffentlichung von Texten von und über Alexander von Humboldt in den beiden Projekten bzw. Vorhaben der BBAW deutlich.

Die Transkription des Textes im DTA erfolgt zeilengenau; neben den häufigen Wechseln zwischen alter deutscher und lateinischer Handschrift (die Humboldt, der Konvention seiner Zeit gemäß, insbesondere zur Kennzeichnung von Eigennamen verwendet) werden vor allem die Struktur bzw. Gliederung des Textes in einzelne Abschnitte, Randbemerkungen und am Fuß der Seite notierte Kommentare kodiert. Diese Merkmale werden auch in der Textansicht (HTML) nachvollziehbar wiedergegeben, so wie beispielsweise der im November 1839, Jahre nach Verfassen des Grundtextes, marginal notierte Hinweis Humboldts, dass ebendieser Text keinesfalls zu veröffentlichen sei:

»nie drukken zu / lassen AlHumboldt / Nov. 1839« (http://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_ich_1804/1)

Die nun im DTA veröffentlichte Transkription berücksichtigt dabei erstmals auch solche Passagen, die der Autor gestrichen hatte – und durch wiederholtes Streichen möglicherweise bewusst gänzlich unkenntlich machen wollte – oder die durch Tintenflecke fast unlesbar geworden sind, wie im folgenden Beispiel:

SBB-PK, Nachlass A. v. Humboldt, Tagebuch VII a u. b, Bl. 135r, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001527A00000000, Detail, IIIF-Ansicht im Mirador-Viewer.

Die Passage in der Mitte des hier gezeigten Ausschnitts, in der Humboldt seine frühe und inspirierende Bekanntschaft mit dem etwa vier Jahre älteren Karl Ludwig Willdenow schildert, wurde in früheren Editionen unter Weglassung der gestrichenen Zeichen wiedergegeben als: »Ich fand in Willdenow einen jungen Menschen, der damals unendlich mit meinem Wesen harmonirte. Er bestimmte mir Pflanzen, ich bestürmte ihn mit Besuchen.« Die Nähe zwischen beiden wird bereits darin deutlich, tritt jedoch noch deutlicher hervor, sobald man sich bemüht, den gestrichenen, von Tintenklecksen verdeckten und zum Teil durch spätere Ergänzungen überschriebenen Textteil zu entziffern, wodurch Humboldts ursprünglicher Einschub »Ich gewann ihn enthusiastisch lieb.« erkennbar wird.

Über die Gründe für diese und andere nachträgliche Texteingriffe in ein Manuskript, das nach Humboldts darauf notiertem Willen doch nie ›gedruckt‹ veröffentlicht werden sollte, mag man spekulieren oder auch nicht: In jedem Fall gibt es in dem eigentlich bekannten, schon vielfach edierten, und nun erneut erscheinenden Manuskript in der handschriftennahen Fassung der DTA-Ausgabe an dieser und vielen weiteren Stellen noch immer unbekannte Facetten und Details zu entdecken.

 

 

Christian Thomas

http://www.bbaw.de/die-akademie/mitarbeiter/thomas

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