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Hesse: Humboldt und Willdenow – Wissenschaft und Freundschaft

Volker Hesse

Alexander von Humboldt und der Botaniker Carl Ludwig Willdenow: Wissenschaft und Freundschaft

Zusammenfassung

Alexander von Humboldt verdankt grundlegende botanischen Erkenntnisse dem Werk „Prodromus florae Berolinensis“, das von Carl Ludwig Willdenow 1787 herausgegeben worden war. Nach einem Besuch des 18jährigen Humboldt bei Willdenow im Jahre 1788 begannen eine Freundschaft und ein wissenschaftlicher Austausch, der bis zum frühen Tode Willdenows im Jahr 1812 andauerte. 1793 publizierte Alexander von Humboldt eine eigene botanische Schrift mit dem Titel „Florae Fribergensis specimen“, die er Willdenow widmete. Er übernahm sogar die Patenschaft bei Willdenows einzigem, 1795 geborenem Sohn. Humboldt sandte Pflanzen, die er in Spanien gesammelt hatte, an Willdenow, und schickte ihm auch von seiner Reise durch Süd- und Mittelamerika Pflanzen zur botanischen Bestimmung. Nach seiner amerikanischen Reise bat Humboldt 1810 Willdenow nach Paris zu kommen, um eine Sichtung und Systematisierung des botanischen Materials der Amerikareise vorzunehmen. Willdenow war inzwischen Direktor des Botanischen Gartens in Schöneberg bei Berlin und wurde 1810 auch der erste Ordinarius für Botanik der neugegründeten Berliner Universität. Willdenow erkrankte jedoch in Paris nach einigen Monaten und musste nach Berlin zurückreisen. Sein in Paris begonnenes Werk wurde von dessen Schüler Karl Sigismund Kunth fortgeführt. Humboldts Pflanzengeografie ist mit Willdenow, der ähnliche Ideen bereits in seiner Schrift „Grundriss der Kräuterkunde“ publiziert hatte, eng verbunden. Die Freundschaft und wissenschaftliche Zusammenarbeit A. v. Humboldts und C. L. Willdenows führte zu einer Erweiterung des Wissens über die Natur, das für uns heute noch bereichernd ist.

Abstract

The book “Prodromus florae Berloninensis”, published by the botanist and medical student Carl Ludwig Willdenow in 1787, was of great importance for the botanic studies of Alexander von Humboldt. and Willdenow were connected by a lifelong close friendship, beginning in 1788 and ending with the early death of Willdenow in 1812. In 1787 A. v. Humboldt published his own botanic work “Florae Fribergensis specimen” and dedicated this publication to C. L. Willdenow. The friendship between the two scientists was so close that Humboldt became the godfather of Willdenow’s only son. During Humboldt’s trip to Spain in 1799 and his travels through South and Central America 1799 to 1804, he sent plants and plant seeds, which he and Bonpland had collected, to Willdenow in Berlin, asking him to analyze and catalogue the plants. In 1810 Willdenow came to Paris with the aim of conducting a systematic analysis of the American plant treasures of Humboldt and Bonpland, but because of an illness he remained there only a few months and died shortly afterwards in Berlin. His work in Paris was continued and completed by his former student Karl Sigismund Kunth. Humboldt’s famous plant geography has its roots in discussions with Willdenow, whose similar thoughts had been published in his work ”Grundriss der Kräuterkunde” (Basics of herb science) in 1792. The friendship and scientific cooperation between A. v. Humboldt and C. L. Willdenow led to an extension of our knowledge of nature, which is still enriching for us today.

Resumen

Alexander von Humboldt obtuvo sus conocimientos botanicos más profundos de la obra „Prodromus florae Berolinensis“, publicado por Carl Ludwig Wildenow en 1787. Posterior a una visita de Humboldt a Wildenow en 1788 empezaron una amistad que duraría toda la vida y un intercambio cientifico que se prolongó hasta la muerte temprana de Wildenow en el año 1812. En 1793 el mismo Humboldt publica un tratado botánico con el titulo: “Florae Fribergensis specimen” que se lo dedicó a Wildenow. Incluso adquirió el padrinazgo de su hijo primogénito. Para la determinación botánica Humboldt le mandaba a Wildenow plantas que había recolectado tanto en España como durante sus viajes por Latinoamérica. Posterior a su viaje por América le pide Humboldt a Wildenow, que entretanto era director del jardín botánico de Berlin-Schöneberg y también se haría el primer ordinario para botánica de la recientemente inaugurada Universidad de Berlín, que viniera a París para registrar y sistematizar el material botánico traído de las Américas. Sin embargo Wildenow se enfermó después de unos meses en París y tuvo que regresar a Berlín. Su labor empezada por él en París fue continuada por su alumno K. S. Kunth. La geografía de las plantas de Humboldt está fuertemente ligada a Wildenow, que ya por sí había publicado ideas parecidas en 1792 en su tratado “Grundriss der Kräuterkunde” [“Compendio de la ciencia de las hierbas”]. La amistad y colaboración científica de A. v. Humboldt y de C. L. Wildenow conllevó una ampliación de los conocimientos sobre la naturaleza que todavía hoy es enriquecedor para nosotros.

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Alexander von Humboldt und der Botaniker Carl Ludwig Willdenow: Wissenschaft und Freundschaft

Es kommt nur immer darauf an ,daß derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur gemäß sei.

Diese Aussage, die Goethe am 12.5.1825 gegenüber seinem Mitarbeiter Eckermann traf, trifft auch für das Verhältnis des jungen Alexander von Humboldt und seinen Lehrer der Botanik Carl Ludwig Willdenow zu. Humboldt war von den Kenntnissen Willdenows und von dessen Persönlichkeit tief beeindruckt. Beide schätzten einander so sehr, dass sich aus dem anfänglichen Lehrer -Schüler Verhältnis eine anhaltende lebenslange persönliche Freundschaft entwickelte.

Betrachten wir zunächst einige wesentliche Aspekte der Biografie von C. L. Willdenow.

Carl Ludwig Willdenow – Leben und Werk

Carl Ludwig Willdenow wurde am 22. August 1765 als einziger Sohn des Apothekers Carl Johann Willdenow in Berlin geboren. Dieser war der Besitzer der Apotheke „Unter den Linden“, die sich an der Ecke zur Friedrichstraße befand (s. Abb 1, Bildergalerie).

Für seine botanischen Studien war es ein Glücksumstand, dass der “Onkel“ (genealogischer Nachweis steht aus!) Johann Gottlieb Gleditsch Professor für Anatomie und Botanik am Collegium medico-chirurgicum und zusätzlich Direktor des Botanischen Gartens in Schöneberg war.

Nach dem Schulbesuch am Berliner Friedrichswerder’schen Gymnasium begann Carl Ludwig Willdenow zunächst eine Ausbildung als Apothekerlehrling in der Apotheke seines Vaters.

Eine botanische Ausbildung erhielt er durch Johann Gottlieb Gleditsch, der ihn auch zur Anlegung eines Herbariums anregte. In Chemie wurde er privat durch Martin Heinrich Klaproth (1743-1817) unterrichtet. Klaproth war der berühmte Entdecker des Urans und Mitentdecker weiterer neun Elemente; genannt seien Titan, Zirkon, Strontium, Chrom, Tellur und Cersen.

Nach einer pharmazeutischen Zusatzausbildung in dem „Bildungsinstitut für Pharmazeuten“ Johann Christian Wieglebs (1732-1800) in Langensalza studierte C. L. Willdenow ab Ostern 1785 zwei Jahre Medizin an der preußischen Universität in Halle.

Noch als Medizinstudent verfasst Carl-Ludwig Willdenow eine botanische Schrift, die ihn bekannt machte. Sie trug den Titel „Prodromus florae Berolinensis“. Die Schrift erschien 1787.

Die „Berliner Flora“ fand viel Anerkennung und diente auch Alexander von Humboldt, der ab Oktober 1787 in Frankfurt/Oder studierte, als botanische Studienhilfe.

Seine medizinische Dissertation mit dem Titel „Tractus botanico-medicus der Achilleis“, (Dissertatio Halae 1789) war einem botanischen Thema gewidmet. Die Promotion erfolgte am 26. Februar 1789 in Halle.

Willdenow war mit seiner medizinischen Promotion aber nicht zur Krankenbehandlung zugelassen und musste dies auch unterschreiben (Rawski-Conroy 1969). Sein Ziel war der Beruf des Apothekers.

Von 1790 bis 1798 hatte Carl Ludwig Willdenow die Leitung der väterlichen Apotheke „Unter den Linden“ inne. Seit dem 16. Januar 1794 ist er laut Mitgliederliste ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Zunächst hielt er Private Vorlesungen zuhause. 1798 wurde Willdenow Professor für Naturgeschichte am Berliner Collegium medico-chirurgicum. 1801 erfolgte die Berufung zum Vorsteher (Direktor) des botanischen Gartens in Schöneberg sowie die Ernennung zum “Botanisten der Akademie der Wissenschaften“ und “öffentlichen Lehrer der Botanik“ bei der Pépinière und dem Forstdepartment.

Der botanische Garten in Schöneberg war 1679 unter dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. gegründet worden. Willdenow gelang es in hartnäckigen Bemühungen, eine Erhöhung des für den Botanischen Garten zur Verfügung stehenden Etats zwischen 1801 und 1803 um das 4,3-fache zu erreichen (Jahn 1966, 810). Der Pflanzenbestand des Botanischen Gartens wuchs innerhalb der 11 Jahre des Willdenow’schen Wirkens von 1200 auf 7700 Arten an. Es wurden nicht nur modere Treibhäuser erbaut, sondern auch Kultivierungsversuche und Zuchtproben für landwirtschaftlich wichtige Pflanzen vorgenommen (Eckardt 1965, 5; Jahn 1966, 809).

Nach der Gründung der Berliner Universität 1810 wurde C. L. Willdenow der erste Ordinarius für Botanik. In Zusammenhang mit dieser Berufung wurde ihm der Grad eines Doktors der Philosophie ehrenhalber verliehen (Jahn1966, 810). Mit Schaffung dieser Professur grenzte sich nunmehr die Botanik eindeutig als eigenständiges Fach von der Medizin ab (s. Abb 2, Bildergalerie).

Auf Vorschlag von Alexander von Humboldt wurde Willdenows ehemaliger Lehrer für Chemie Martin Heinrich Klaproth als Ordinarius für Chemie der neugegründeten Berliner Universität berufen.

1810 gehörte C. L. Willdenow zu den Begründern der Gesellschaft, deren 200jähriges Bestehen kürzlich begangen wurde – der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Er hatte die Mitgliedsnummer 6 (s. Abb 3, Bildergalerie).

Von Willdenows bekanntesten Werken seien genannt:

  • „Florae Berolinensis Prodromus“ (1787) (s. Abb 4, Bildergalerie)„Grundriss der Kräuterkunde zu Vorlesungen entworfen“ (1792, 1802) (s. Abb 5, Bildergalerie). Der “Grundriss“ erschien in sieben Auflagen. Willdenow verfasste ihn als Leiter der Apotheke „Unter den Linden“. Hinsichtlich der umfassenden Bedeutung der Botanik formulierte Willdenow 1792 in dieser Schrift „Der Botaniker zeigt dem Arzt, Ökonomen, Forstmann und Technologen die brauchbaren Gewächse an, ohne ihn könnten sie keine richtigen und gewissen Versuche anstellen.“ (Abschn. 295, 383)
  • „Phytographia seu descriptio rariorum minus cognitarum plantarum“ (1794). Sammlung von Abbildungen seltenerer Pflanzen.
  • Caroli a Linné, Species plantarum“ (1797-1810, 9 Bände, davon 7 Bände von Willdenow bearbeitet) (s. Abb 7, Bildergalerie). Dieses Werk begründete besonders Willdenow Ruhm als großer Systematiker.
  • „Hortus Berolinensis“ (1803, 1816)
  • „Anleitung zum Selbststudium der Botanik“ (1804, 1809)
  • „Enumeratio plantarum horti regii botanici Berolinensis“ (1809) (s. Abb 8, Bildergalerie). Dieses zweiteilige Werk enthält eine Zusammenstellung aller im Jahre 1808 im Berliner Botanischen Garten vorhandenen Pflanzen.

Daneben hatte Willdenow noch zahlreiche kleinere Schriften publiziert. So allein im Magazin der im Jahre 1773 gegründeten und heute noch existierenden „Gesellschaft naturforschender Freunde“, der er wie auch A. v. Humboldt angehörte. Willdenow veröffentlichte in dem Magazin in den Jahren von 1807 bis 1812 sechsundzwanzig Artikel.

A. v. Humboldt publizierte 1807 in dem Magazin seine bedeutende Arbeit: „Ueber die Chinawälder in Südamerika“ (Ges. naturforschender Freunde zu Berlin, Magazin, Berlin 1807, 67-68 und 104-120).

Von besonderem Interesse ist für uns auch Willdenows Arbeit: „Über den Unterschied der Vegetation der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde“ (Magazin der Ges. naturforsch. Freunde, Berlin 1811, Bd. 5).

Alexander von Humboldts botanische Ausbildung

Die „Berliner Flora“ war, wie eingangs erwähnt, das Werk Willdenows, das der junge Alexander von Humboldt bei seinen systematischen Botanikstudien nutzte.

Er sollte auf Wunsch seiner Mutter Kameralistik – man verstand darunter Finanz-, Wirtschafts- und Verwaltungskunde – studieren. A. v. Humboldt und sein Bruder Wilhelm besuchten vom 1. Oktober 1787 bis Ostern 1788 die Universität Frankfurt/Oder, die „Viadrina“.

Humboldt teilt uns in seinen Aufzeichnungen „Ich über mich selbst 1769-1790“ mit, wie er mit Willdenows Werk im Rahmen der Vorlesung von Professor Christian Ernst Wünsch bekannt wurde:

Er fing an mit botanischen Vorkenntnissen. Seine eigene Unwissenheit und sein Vortrag waren abermals weit entfernt mir Lust zur Botanik einzuflößen, doch sah ich ein, daß ich ohne Pflanzenkenntnis ein so vortreffliches Buch als Beckmanns Ökonomie nicht verstehen könne. Wir besaßen durch Zufall Willdenows Flora Berolinensis. Es war harter Winter. Ich fing an, Pflanzen zu bestimmen, aber die Jahreszeit und Mangel an Hilfsmitteln machte alle Fortschritte unmöglich. (Biermann 1987, 33.)

Nachdem Humboldt 1788 nach Berlin zurückgekehrt war und von dem Berliner Theologen Johann Friedrich Zöllner Unterricht über Technologie erhielt, bemerkte er erneut, dass er genötigt war, seine botanische Kenntnis, deren Ersterfahrung er und sein Bruder im Rahmen des Hausunterrichts bei ihrem Hausarzt Hofrat Dr. Ernst Ludwig Heim gewonnen hatten, zu verbessern. Ernst Ludwig Heim war später Mitbegründer der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde; er hatte die Mitgliedsnummer 3 (s. Abb 11, Bildergalerie).

Durch E. L. Heim hatte die Brüder das Linné’sche Pflanzensystem kennen gelernt. Er besuchte die Humboldt’sche Familie häufig. In Heims Tagebuch findet sich z. B. unter dem 30. Juli 1781 ein entsprechender Hinweis:

Nach Tegel geritten und bei der Frau Majorin von Humboldt zu Mittag gespeist, den jungen von Humboldt die vierundzwanzig Klassen des Linné’sche Pflanzensystems erklärt, welches der ältere sehr leicht faßte und die Namen gleich behielt (Dobat 1985, 167).

Die Lust zur Botanik war damals bei den Brüdern Humboldt jedoch nicht sehr dauerhaft. (A. v. Humboldt, „Ich über mich selbst“, Biermann 1987, 32.)

A. von Humboldt und C .L. Willdenow

Humboldt beschreibt die Lebensperiode nach dem Studium in Frankfurt/Oder später folgendermaßen:

Ich fühlte aufs neue die Notwendigkeit botanischer Kenntnisse, quälte mich mit neuem Eifer, Pflanzen nach Willdenows Flora zu bestimmen. Ich legte nun ein förmliches Herbarium an, und da man mir nun zuerst gestattete, allein auszugehen, faßte ich den Entschluß, unempfohlen Willdenow selbst aufzusuchen. Von welchen Folgen war dieser Besuch für mein übriges Leben! Schriebe ich ohne diesen diese Zeilen aus dem Königreich Neu-Granada? Ich fand in Willdenow einen jungen Menschen, der damals unendlich mit meinem Wesen harmonierte. Seine Natur [hier folgte ein ausgestrichener Satz. Lesbar sind die Worte: Ich gewann ihn sehr lieb.] Er bestimmte mir Pflanzen, ich bestürmte ihn mit Besuchen. Ich lernte neue ausländische Pflanzen kennen. Er schenkte mir einen Halm Oryza sativa [eine Reispflanze], den Thunberg aus Japan mitgebracht. Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben die Palmen des botan[ischen] Gartens, ein unendlicher Hang nach dem Anschauen fremder Produkte erwachte in mir. In 3 Wochen war ich ein enthusiastischer Botanist. Willdenow trug sich damals mit der Idee, eine Reise außerhalb Europas zu machen. Ihn zu begleiten, war der Wunsch, der mich tags und nachts beschäftigte. (A. v. Humboldt, „Ich über mich selbst“, Biermann 1987, 34.)

Auch an anderer Stelle, in einem Brief, den Humboldt 1806 an den Schweizer Naturforscher Marc-Auguste Pictet, berichtet Humboldt über sein Zusammentreffen mit Willdenow und dessen Einfluss auf seine botanischen Studien:

Ich hatte nicht von dem Studium der Pflanzen sprechen hören bis zum Jahr 1788, da ich die Bekanntschaft mit Willdenow machte(…). Sein sanfter liebenswürdiger Charakter machte mir die Botanik noch wertvoller. Er gab mit keine förmlichen Stunden, sondern ich brachte ihm die Pflanzen, die ich gesammelt hatte, und er bestimmte sie mir. Auf diese Weise wurde ich für die Botanik, besonders für die Kryptogamen begeistert. (Hein 1959, 468.)

Humboldt trug sich auf Wunsch Willdenows bereits am 1. Oktober 1788 in dessen Poesiealbum ein. Ausgehend von der gemeinsamen Liebe der Freunde zur botanischen Wissenschaft zitiert er in lateinischer Schrift einen Vers des Kirchenvaters Laktanz (Lactantius, um 250 – 325?). Humboldt zitiert aus dessen Werk „Der Ursprung des Irrtums“ (de origine erroris). Sinngemäß geht es um die Aussage: Auch wenn das Wissenwollen, … das heißt, die Suche nach Wahrheit allen angeboren ist, verspielen die ihre Weisheit, die ohne ein (kritisches) Urteil das von den Vorfahren Gefundene beziehungsweise Beobachtete billigen … (Lack 1997, 66). Humboldt fordert also bereits in jungen Jahren eine kritische Analyse des althergebrachten Wissens.

A. von Humboldt unternahm in Berlin selbst botanische Exkursionen, die ihm allein aber nicht so recht gefielen. So teilte er seinem Frankfurter Studienfreund Wilhelm Gabriel Wegener nach einer Exkursion in den Berliner Tiergarten am 25. Februar 1789 mit:

Wie traurig so allein herumzuwandern! Doch hat auch von einer anderen Seite betrachtet, dies einsame in der Beschäftigung mit der Natur etwas anziehendes. [ …]. Mein Freund Willdenow ist noch der einzige, der dieses mit mir empfindet. [ …] Solltest Du glauben, daß unter den anderen 145 000 Menschen in Berlin kaum 4 zu zählen sind, die diesen Theil der Naturlehre auch nur zu ihrem Nebenstudium, nur zur Erholung kultivirten. (Jahn/Lange 1973, 41.)

Der eigenständig unternommene Besuch Humboldts bei den 4 Jahren älteren Willdenow wurde der Beginn einer fast 25 jährigen Freundschaft, die bis zum frühen Tode Willdenows im Jahre 1812 fortdauerte. Nach W.-H. Hein geht auf Willdenows Schule Alexander von Humboldts spätere Sicherheit im Bestimmen von Pflanzen zurück (W.-H. Hein, 1985, S.155).

Humboldt sah in der Botanik wie Willdenow eine für die Gesellschaft nutzbare Wissenschaft. Dies kommt in folgender Aussage zum Ausdruck:

Die meisten Menschen betrachten die Botanik für eine Wissenschaft, die für Nichtärzte nur zum Vergnügen oder allenfalls … zur subjektiven Bildung des Verstandes dient. Ich halte sie für eines von den Studien, von denen sich die menschliche Gesellschaft am meisten zu versprechen hat. (Brief an W.G. Wegener vom 25.2.1789, Jahn/Lange 1973, 41).

Nachdem Alexander von Humboldt von Mitte August 1790 bis Ende April 1791 die Handelsakademie in Hamburg besucht hatte, weilte er fünf Wochen in Berlin, um danach sein Studium an der Bergakademie Freiberg in Sachsen fortzusetzen.

Die kurze Zeit in Berlin nutzte er zu botanischen Exkursionen mit Willdenow und studierte Usteris „Journal der Pflanzenkunde“ auch erprobte er bei Keimversuchen die akzelerierende Kraft des Chlors. (Aus meinem Leben (1769-1850), Biermann 1987, 88.)

1793 publizierte Humboldt in Anlehnung an Willdenows „Berliner Flora“ seine Schrift über die Freiberger Flora, die unter dem Titel “Florae Fribergensis specimen“ erschien und C. L. Willdenow gewidmet wurde („Carolo Ludowico Willdenow […] hasce phytologicas suas primitias d[evotissime] d[ono] d[edit]“) (s. Abb 12, Bildergalerie).

Willdenow war von dieser Schrift Humboldts beeindruckt. Humboldt schreibt am 7. März 1792 an den Freiberger Freund Johann Carl Freiesleben: „Willdenow hat mich erst den Werth meiner Flora Friber[gensis] recht fühlen lassen. Er findet alles neu, überaus merkwürdig und hat mich sehr zu einer sorgfältigen Ausarbeitung ermuntert.“ (Jahn/Lange 1973, 175). Humboldt hatte in dem Werk eigenständige, für Willdenow vielleicht sogar zum Teil neue Ideen zum Ausdruck gebracht.

Im Jahr 1793 übernahm Humboldt die Leitung des Bergbaus in den preußischen Gebieten Ansbach und Bayreuth uns siedelte nach Franken über.

Humboldt und Willdenow blieben weiterhin eng verbunden. Leider sind uns aber nur wenige Briefe eines sicherlich umfangreichen Briefwechsels erhalten geblieben.

Die weiter bestehende enge persönliche Beziehung beider kam auch darin zum Ausdruck, dass Humboldt die Patenschaft bei Willdenows erstem und einzigem Sohn, dem am 1. Juli 1795 geborenen Carl Wilhelm Willdenow übernahm.

Nachdem er von der Geburt des Kindes gehört hatte, schrieb Humboldt, der sich auf einer Reise in Oberitalien befand, sehr herzlich:

[Lieber Bruder und Gevatter.] Ich kann Dir nicht sagen, mit welcher innigen Theilnahme ich Deine beiden Briefe gelesen habe. Es gibt nun noch einen Menschen auf der Welt, den ich so innig liebe, der meinem Herzen so nahe liegt als Du. Wie innig freue ich mich über die Erfüllung Deiner sehnlichsten Wünsche. Wie ganz kann ich mich in Deine Lage und in die freudigen Empfindungen Deiner liebenswürdigen Gattin versetzen. So bist Du denn Vater, sie eine edle, zärtliche Mutter. Und wie kann ich es Euch genugsam danken, dass Ihr den armen Freund in der Unterwelt des rauen Fichtelgebirges an Eurem Glücke teilnehmen lasst. Und noch dazu ein Junge! ein gesundes, starkes Kind! Im Winter hoffe ich den Knaben in meinen Armen zu halten und Euch zu umarmen. (Humboldt an Carl Ludwig Willdenow, 17. Juli 1795, Jahn/Lange 1973, 452.)

Welche Emotionen und welche Herzenswärme vermittelt der junge unverheiratete Humboldt in diesem Brief Willdenow und dessen Familie (s. Abb 13, Bildergalerie)!

Humboldt berichtet Willdenow auch über seine wissenschaftlichen Forschungen. So schreibt er am 20. Dezember 1796 aus Bayreuth:

Mein grosses physikalisches Werk über den Muskelreiz und chemischen Process des Lebens ist fast vollendet. Es enthält an 4000 Versuche und auch viel über Pflanzenphysiologie … […] Ueber Respiration der Pflanzen habe ich diesen Sommer viel experimentiert … Du siehsts heraus, mein lieber Willdenow, dass ich zwar weniger schreibselig bin als andere, aber gewiss nicht unfleissiger.

Im Hinblick auf den knapp 1½ jährigen Sohn Willdenows scherzt er:

Mache nur, dass das gute Pathchen schnell heranwachse, damit ich es nach Indien mitnehmen kann. Meine Reise ist unerschütterlich gewiss. (Jahn/Lange 1973, 560.)

In einem Brief vom Februar 1798 aus der Stadt Salzburg, in welcher der 28 jährige Humboldt fünf Monate verweilte, berichtet Humboldt Willdenow über die von ihm durchgeführten Keimversuche, so beschreibt er u. a., dass der Samen der Kresse (Lepidium sativum) in oxydierter Kochsalzsäure bereits nach 6-7 Stunden keimt, im gewöhnlichen Wasser aber erst nach 36 bis 38 Stunden.

A.von Humboldt – Abreise nach Amerika

Humboldt war 1798 von Salzburg über Paris nach Marseille gereist, um von dort mit dem Botaniker und Arzt Aimé Bonpland nach Nordafrika zu reisen.

Die Überfahrt war wegen des napoleonischen Kriegs nicht möglich und so fuhr er mit seinem Begleiter über Barcelona und Valencia nach Madrid, wo er vom spanischen König Carlos IV. die Genehmigung zum Bereisen der amerikanischen spanischen Kolonie erhielt. Vor seiner Abreise sandte er Willdenow noch Pflanzen, die er auf seiner Reise gesammelt hatte. In einem sehr persönlichen Brief, geschrieben in „Aranjuez, unfern Madrids“ am 20. April 1799, mit einem Nachtrag vom 5. Juni 1799 aus La Coruña heißt es:

Wenn ich, mein brüderlichst geliebter Freund, seit Marseille auch keine Zeile an Dich geschrieben habe, so bin ich deshalb, wie der Inhalt dieses Briefes zeigen wird, doch nicht minder thätig für Dich und Deine Freuden gewesen. Ich schlage so eben eine Kiste von 400 Pflanzen für Dich zu, von denen ¼ gewiß noch unbeschrieben und aus Gegenden sind, die (wie St. Blasio in Californien, Chiloe und die Philippinen) kaum von einem Botanisten betreten worden sind. Wenn Du diese Pflanzen durchgehst, so wirst Du Dich überzeugen, dass kaum ein Tag vergangen ist, an dem nicht in Wäldern, Wiesen und am Meeresufer Dein Andenken mir lebendig gewesen ist. Ueberall habe ich für Dich gesammelt und zwar nur für Dich, da ich selbst erst jenseits des Oceans mein eigenes Herbarium anfangen will.

In diesem Brief heißt es auch: „Der Mensch muß das Große und Gute wollen. Das Übrige hängt vom Schicksal ab“ und „Arbeit ist doch einmal der Sinn unseres Lebens […].“

Das Schreiben schließt mit den Worten:

Wenige Stunden vor meiner Abreise mit der Fregatte Pizarro muß ich noch einmal, mein guter, mein Andenken in Dir zurückrufen. […]. Umarme Deine liebe Gattin, Dein Kleines, Hermes und grüße Zöllner, Bode, Klaproth, Hermbstedt und wer meiner gedenkt. Ich hoffe wir sehen uns gesund wieder. Alle meine Instrumente sind schon an Bord. – Dein Andenken begleitet mich. (Jahn/ Lange 1973, 660 und 664.)

Diese Zeilen drücken die enge freundschaftliche Verbindung Humboldts zu Willdenow aus.

Das Ziel seiner Reise formuliert A. v. Humboldt kurz vor dem Abschied von Europa folgendermaßen:

Ich werde Pflanzen und Foßilien sammeln, […] nüzliche astronomische Beobachtungen machen können; ich werde die Luft chemisch zerlegen, – dieß alles ist aber nicht Hauptzwek meiner Reise. Auf das Zusammenwirken der Kräfte, den Einfluß der unbelebten Schöpfung auf die belebte Thier- und Pflanzenwelt, auf diese Harmonie sollen stäts meine Augen gerichtet sein (Brief an Karl Maria Ehrenbert Frh. von Moll, Jahn/Lange 1973, 682; Dobat 1985, 176.)

Briefe aus Amerika

Von Humboldts Reise nach Süd- und Mittelamerika sind nur drei an Willdenow gerichtete Briefe nachweisbar. Zwei dieser Briefe wurden in Havanna (Cuba) geschrieben, ein Brief vom 21. Februar 1801 und ein Brief vom 4. März 1801, ein weiterer Brief, vom 29.04.1803 in Mexiko. In letzterem signalisiert Humboldt seine Rückreise.

In dem ersten Brief aus Havanna beschreibt Humboldt ausführlich seine aktuelle Situation, seine Interessen und Forschungsaktivitäten. Vor allem aber auch die Sorgen um die von ihm und Bonpland gesammelten Pflanzen. Er berichtet, dass sie die Pflanzen als Dubletten und Tripletten gesammelt und schon Sendungen nach Frankreich (La Rochelle) und London veranlasst haben. Er informiert Willdenow, dass er seine Reisebeschreibung nach Fachgebieten ordnen und das botanische Werk gemeinsam mit Bonpland nach „nova genera und species“, aber auch nach dem Linné’schen Prinzip beschreiben wolle, wobei er hoffe, über 500-600 Species berichten zu können.

Für den Fall seines Todes bittet er Willdenow, seine botanischen Manuskripte, über die sein Bruder Wilhelm von Humboldt verfügt, in seinem und Bonpland´s Namen zu edieren.

Zum deutlicheren Verständnis von Humboldts Aussagen seien einige wichtige Textzeilen dieser Briefe Humboldts an Willdenow zitiert:

Ich bleibe meinem alten Versprechen getreu, daß alle, alle in dieser Reise gesammelten mir gehörigen Pflanzen Dein sind. Ich will nie, nie etwas besitzen. Nur muß ich Dich bitten, da ich mir nach meiner Zurückkunft die Publication vorbehalte, mein Herbarium vor dieser Publikation oder vor meinem Tode nicht Deiner Sammlung einzuverleiben. […] Solltest Du indeß in den 2 Kisten, die Fraser Dir einhändigen kann, neue Species entdecken, die Deine Aufmerksamkeit besonders auf sich ziehen, so steht es natürlich ganz in Deinem Willen, einzelne derselben, nur nicht viele und alle, in Deine vortrefflichen Ausgabe der Species einzuschalten. Im Gegenteil, es wird uns (Bonpland und mir) eine besondere Ehre sein, von Dir in so einem Werke erwähnt zu werden. (Moheit 1993, 124-125.)

Der im Brief genannte John Fraser (1750-1811) war ein schottischer Botaniker, dem Humboldt ein Teil seiner Pflanzensammlung anvertraut hat, weitere Sendungen gingen an Sir Joseph Banks nach London, an Antoine-Laurent de Jussieu nach Paris, zu Antonio Jose Cavanilles und Gomez de Ortega nach Madrid sowie an Martin Vahl nach Kopenhagen.

Humboldt berichtet, dass Bonpland, die von ihnen gesammelten Pflanzen, die mit Dubletten über 12000 betragen, allein getrocknet habe, „die Beschreibungen sind zur Hälfte sein Werk. Oft haben wir jeder besonders ein und dieselbe Pflanze beschrieben, um gewisser zu sein.“ Zum Schluss des Briefes wendet er sich noch einmal sehr persönlich direkt an Willdenow mit dem Wunsch:

Und Du, mein Guter, wie führst Du im häuslichen stillen Glücke Dein arbeitsames Leben fort? […] Wenn ich an die Zeiten zurückdenke, wo ich Dir Hordeum murinum [Mäuse-Gerste] zu bestimmen brachte, wenn ich mich erinnere, daß das botanischem Studium mehr als meine Reise mit Forster [Humboldt hatte im März 1798 mit dem Weltreisenden Georg Foster, der James Cook auf seiner zweiten. Weltumsegelung begleitet hatte, eine Reise in die Niederlande, sowie nach England und Frankreich unternommen.] den Trieb in mir rege machte, die Tropenwelt zu besuchen – wenn ich in meiner Phantasie die Rehberge [Hügel im Norden Berlins] und die Panke mit den Katarakten von Atures, ein Haus von China (Cinchona alba), [China- (Fieber) Rindenbaum] in dem ich lange gewohnt, vereingte – so kommt mir das alles oft wie ein Traum vor!“ Und weiter heißt es: „Träume ich mir dann bisweilen ein glückliches Ende dieser gefahrvollen Irrfahrt, träume ich mich an die Ecke der Friedrichsstraße in Dein altes Zimmer, Deinem Herzen immer gleich nahe […] Eine innere Stimme sagt mir, daß wir uns wieder sehen.“ Der Brief schließt mit den Worten: „Grüße Dein liebes Weib, Deine Schwiegermutter herzlich, umarme die Kleinen [gemeint sind Willdenows Söhne Carl Wilhelm und Johann Carl]und vor allem den Freund Hermes,der mich wohl nicht ganz vergessen hat. Mit brüderlicher Liebe. Dein alter Schüler Alex.Humboldt (Moheit 1993, 128-129; Hein 1985, 155).

Soviel zu Humboldts Brief von 1801. Humboldt schickte bereits 1801 von Cuba aus 1600 Pflanzen in herbarisierter Form an Willdenow nach Berlin (Dobat 1985, 176).

In dem Schreiben vom 29. April 1803 aus Mexiko heißt es:

Ich besitze eine ausgezeichnete Sammlung, die ich zu Quito, zu Loxa, am Amazonenfluße bei Jaén, auf den Anden in Peru, auf dem Wege von Akapulko nach Chilpensingo und Mexiko, zusammengebracht habe. Diesen Schatz will ich nicht dem Zufall der Posten […] anvertrauen; sondern[…] Dir selber überbringen. Ich habe Alles höchst sorgfältig geordnet. (Moheit 1993, 229.)

Analyse und wissenschaftliche Systematisierung der in Amerika gesammelten Pflanzen Humboldts und Bonplands

Nach Humboldts und Bonplands Rückkehr aus Amerika begann zunächst Bonpland mit der Herausgabe des zwischen 1805 und 1817 in Lieferungen erschienenen Werkes „Plantes équinoxiales“. (Fiedler/Leitner 2000, 252-253)

Die Arbeit ging jedoch, da sie für Bonpland sehr mühselig war und er Privatbotaniker von Napoleons Frau, der Kaiserin Josefine in Malmaison geworden war, nur schleppend voran.

Humboldt bat deshalb im Mai 1810 seinen Freund, C. L. Willdenow, der als Pflanzensystematiker hohe Anerkennung genoss, nach Paris zu kommen, um dort seine und Bonplands botanischen Schriften und das Herbar durchzusehen und die Pflanzen zu beschreiben. Willdenow beschäftigte sich in Paris mehrere Monate mit dieser gewaltigen Aufgabe, musste aber dann infolge einer Erkrankung nach Berlin zurückfahren.

Nach Berlin zurückgekehrt, verstarb er am 10. Juli 1812, kurz vor seinem 47. Geburtstag. Die Beisetzung erfolgte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Sein Grabstein befindet sich heute zur ständigen Erinnerung an diesen Pionier der Botanik als Dauerleihgabe in der Eingangshalle des Botanischen Museum in Berlin-Dahlem (s. Abb 14, Bildergalerie).

Auf dem Grabstein stehen die ehrenden Worte:

Unsterblich sein Andenken als Naturforscher
durch seine Schriften und seine Lehren für die ganze Welt

Der Mensch Carl Ludwig Willdenow wird in den nachfolgenden Zeilen gewürdigt:

als treuer Freund und zärtlicher Gatte und Vater
für die Herzen der Seinigen

1813 bat A. v. Humboldt Willdenows Schüler Karl Sigismund Kunth (1788-1850), den Neffen seines ehemaligen Erziehers Gottlob Johann Christian Kunth, nach Paris zu kommen und das Werk Willdenows fortzuführen. Kunth war aktuellen wissenschaftlichen Ideen gegenüber besonders aufgeschlossen (Lack, persönliche Mitteilung 2010).

In 11jähriger Arbeit gelang es Kunth, den aus Amerika mitgebrachten Pflanzenschatz zu beschreiben und zu systematisieren. Die Ergebnisse legte er in der Schrift „Nova genera et species plantarum“ (1816 bis 1826) nieder. In dieser Schrift sind auch pflanzengeografische Ergebnisse der Amerikareise mit aufgenommen worden (Fiedler/Leitner 2000, 272). Auch A. v. Humboldts Skizze der „Anguloa superba“ ist in diesem Werk enthalten.

Pflanzengeographie bei Willdenow und A. von Humboldt

Eine der größten wissenschaftlichen Leistungen Alexander von Humboldt, die Beschreibung der Pflanzengeographie geht in ihren Ursprüngen wahrscheinlich zu einem großen Teil auf Willdenow zurück.

In den wenigen Monaten der Berliner Kontakte in den Jahren 1788/1789 hat dieses Thema sicher zwischen beiden eine große Rolle gespielt. In einem Schreiben Humboldts an den Botaniker Paulus Usteri, in dem er sich im Herbst 1791 für dessen Schrift „Beiträge über Botanische Geographie“ bedankt, teilt er mit:

Da ich Geognosie, Geschichte des Feldbaus p. mit Botanik immer zusammen studirte, so fiel ich schon vor 2 Jahren darauf, auf eine Geschichte der Pflanzenwanderungen zu samlen, ja Proben zu Karten für die gesellschaftlich lebenden Pflanzen, z. B. die fast in ganz Europa zusammenhängenden ericeta, die afrikan[ischen] Euphorbien, zu entwerfen. (Jahn/Lange 1973, 163, Jahn 1966, 806.)

Willdenow publizierte 1792 im „Grundriß der Kräuterkunde“ ein 40 Seiten umfassendes Kapitel, das sich mit pflanzengeographischen Aspekten beschäftigte. Hier heißt es u. a.:

Unter Geschichte der Pflanzen verstehen wir den Einfluß des Klimas auf die Vegetation, die Veränderungen, welche die Gewächse wahrscheinlich erlitten haben, wie die Natur für die Erhaltung derselben sorgt, die Wanderung der Gewächse und endlich ihre Verbreitung über den Erdball.

1807 publizierte Humboldt seine wesentlichen Erkenntnisse über die Pflanzengeographie in dem Werk Essai sur la geographie des plantes und nahm persönlich eine Übertragung ins Deutsche vor. Die Schrift erschien in erweiterter Form unter dem Titel „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ (1807) und war Johann Wolfgang von Goethe gewidmet (s. Abb 15, Bildergalerie).

Goethe hatte Alexander von Humboldt im April 1795 in Jena kennengelernt.

In seinem erstem Brief an den 26jährigen Alexander, der nach Goethes Kenntnisnahme von dessen Schrift „Aphorismen aus der chemischen Physiologie der Pflanzen“ verfasst wurde, hat er versucht, die Humboldt’sche Anschauung der Pflanzenphysiologie mit seiner Ansicht zu verbinden. Goethe schreibt am 18. Juni 1795: „Da Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen von der Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen“ (Jahn/Lange 1973, 435; W.A. IV. 10, 271). Mit Element ist dabei die Physiologie gemeint. Was Humboldt und Goethe verband, war die Morphologie. Humboldt empfing von Goethes Morphologie den Begriff des „dynamischen Typus“ als methodisches Prinzip.

Die Wirkung , die Goethes Naturvorstellungen auf ihn ausübten,charakterisiert Humboldt nach seiner Rückkehr aus Amerika in einem Brief an CaroIine von Wolzogen mit folgenden eindrucksvollen Worten: „Überall ward ich von dem Gefühl durchdrungen,wie mächtig jene Jenaer Verhältnisse auf mich gewirkt ,wie ich ,durch Goethes Naturansichten gehoben, gleichsam mit neuen Organen ausgerüstet worden wäre (Biermann 1985, 16;vergl. auch Hesse 2010.204.)

In einer beeindruckenden von Bertel Thorvaldsen gestalteten Vignette symbolisiert Humboldt Goethes Werk „Die Metamorphose der Pflanzen“ als ein methodisches Mittel zur Entschlüsselung der Natur, die durch Goethe in Gestalt Apolls erfolgt (s. Abb 16, Bildergalerie).

Da die vorgesehene Karte zur Pflanzengeographie nicht beigefügt war, entwarf Goethe selbst ein Höhenspiegel der alten und neuen Welt. Goethe war von dem Werk begeistert „Ich verschlang das Werk“ bekannte er.

Ich wünschte das Buch mir und anderen sogleich völlig geniessbar und nützlich zu machen, woran ich einigermaassen gehindert wurde, dass meinem Exemplare der damals noch nicht fertige Plan abging. Schnell zog ich an die beiden Seiten eines länglichen Vierecks die Scala der 4000 Toisen und fing nach Maassgabe des Werkes vom Chimborasso herein die Berghöhen einzuzeichnen an, die sich unter meiner Hand wie zufällig zu einer Landschaft bildeten. (König 1895, Nr. 1, 77).

In der Vorrede zu den „Ideen …“ teilt Humboldt mit: „Den ersten Entwurf einer Pflanzen-Geographie legte ich (1790) meinem Freunde (dem berühmten Begleiter Cooks), Herrn Georg Foster[…] vor.“ (Beck 1997, Bd. 1, 44.)

Humboldt verweist in diesem Buch über die Pflanzengeographie integer auf den vortrefflich ausgearbeiteten Abschnitt zur Pflanzengeographie in Willdenows „Grundriss der Kräuterkunde“ von 1802 und hier speziell auf den Abschnitt „Geschichte der Pflanzen“ des Werkes. Neben diesem speziellen Hinweis erwähnt Humboldt Willdenow neben anderen Persönlichkeiten bereits im Vorwort dieser Schrift mit den Worten: „Andere [Beobachtungen] verdanke ich den klassischen Schriften meines vieljährigen Freundes und Lehrers Willdenow“. (Beck 1997, Bd. 1, 46.)

Humboldt hat später seine Ideen einer Pflanzengeographie der alten und neuen Welt ausführlich in den „Prolegomena“ (von 1816), die er dem 7-bändigen, gemeinsam mit Bonpland und Kunth geschaffenem Werk ,„Nova genera et species plantarum“ voranstellte, beschrieben. (Zitiert als Humboldt,Bonpland, Kunth;“H.B.K.Nov.Gen.Sp“) (s. Abb 17, Bildergalerie).

Nach W.-H. Hein (1959) bezeichnet man vor allem auf Grund „dieser mustergültig angefertigten Arbeit“ Humboldt als den Schöpfer der modernen Pflanzengeografie.

Ein Teil von Humboldts Herbar befindet sich heute im Botanischen Museum zu Berlin (s. Abb 18 a und b, Bildergalerie).

Hier befindet sich auch das Herbar von C.L. Willdenow. Der Direktor des Museums Herr Prof. Lack hat 2009 ein großartiges Werk zu dieser Thematik herausgegeben, das unter dem Titel „Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas“ erschienen ist (s. Abb 19, Bildergalerie).

Ausklang – A. v. Humboldts und Willdenows botanisches Vermächtnis

Mit Werk „Nova genera et species plantarum“ das wesentlich durch die Arbeit von Willdenows Schüler Kunth geprägt ist ,wurde auch das Vermächtnis C. L. Willdenows erfüllt der mit „kurzen Diagnosen“ auch einen vorbereitenden Beitrag zu diesem Werk geleistet hat (Fiedler/Leitner 2000, 253.)

C. L. Willdenows Werk erfuhr im Juni 2010 anlässlich des 100jährigen Bestehens des Botanischen Gartens in Berlin-Dahlem im Rahmen der Ausstellung des Botanischen Museums „Humboldts grüne Erben“  eine Ehrung (s. Abb 20 sowie 21a und b, Bildergalerie). Man könnte den Titel der Ausstellung erweitern zu „Humboldts und Willdenows grüne Erben“.

Berlin hat Carl Ludwig Willdenow durch zwei Straßenbenennungen in Lichterfelde und Wedding gewürdigt. Das Botanische Museum gibt seit Jahren als Periodikum die Zeitschrift „Willdenowia“ heraus. („Willdenowia“, Mitteilungen aus dem Botanischen Garten und Museum Berlin-Dahlem, Band 1 erschienen 1954; „Willdenowia“, Annals of the Botanic Garden and Botanical Museum, ab 1996).

Nach Humboldt sind in Berlin drei Straßen benannt (in Lichtenrade, Grunewald und Reinickendorf), zusätzlich gibt es eine Humboldtmühle, einen Humboldtsteg und einen Alexander-von-Humboldt-Weg (in Berlin-Adlershof).

Der Name Alexander von Humboldt ist weltweit ein Begriff u.a. sind Flüsse, Berge, ein Mondkrater, Pflanzen und Tiere nach ihm benannt worden. Bekannt sind heute zahlreiche Zierpflanzen, die Humboldt auf seiner Lateinamerikareise entdeckt hat wie z. B. die Dahlie, den Weihnachtsstern, die Bougainvillea und Tagetes, die kleine duftende Studentenblume. Durch Humboldt und Bonpland nach Europa gelangte Pflanzen wurden vom 4. bis 23. Juni 2010 in einer Ausstellung unter dem Titel „Die Entdeckung der Zierpflanzen durch Alexander von Humboldt“ im Lichthof der Humboldt-Universität gezeigt. Aussteller waren Dr. H. Grüneberg und Mitarbeiter und Studenten der Landwirtschaftlich Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität sowie der Dresdner Pflanzenzüchter K. Olbricht.

Die Freundschaft zwischen Alexander von Humboldt und Carl Ludwig Willdenow war eine Lebensfreundschaft, die wissenschaftlichen Austausch mit persönlicher menschlicher Nähe verband (s. Abb 22a und b, Bildergalerie). Dieser Freundschaftsbund führte zu einer Bereicherung des Wissens über die Natur, aus dem wir noch heute schöpfen können.

Ausgewählte Literatur

Beck, Hanno: Alexander von Humboldt. Studienausgabe, Bd. 1: Schriften zur Geographie der Pflanzen. Darmstadt 1997

Biermann, Kurt-R.: ,Goethe in vertraulichen Briefen an Alexander von Humboldt. in :Goethe-Jahrbuch 102, Weimar 1985

Biermann, Kurt-R.: Alexander von Humboldt. Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse. 2. Auflage, München 1987

Biermann, Kurt-R: Alexander von Humboldt. Leipzig 1983

Dobat, Klaus: Alexander von Humboldt als Botaniker. In: Alexander von Humboldt. Leben und Werk. Hrsg. von Wolfgang-Hagen Hein. Frankfurt/M. 1985, 167-193

Eckardt, Th.: Zum Gedenken an den 200. Geburtstag von Carl Ludwig Willdenow *22. 8. 1765 -10. 7. 1812, Willdenowia 4/1 (1959) 1-21

Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens,Berlin und Weimar 1982

Fiedler, Horst, Leitner, Ulrike: Alexander von Humboldts Schriften. Bibliographie der selbständig erschienenen Werke. Berlin 2000 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, 20)

Hein, Wolfgang-Hagen: Alexander von Humboldt und Carl Ludwig Willdenow.Pharmazeut. Zeitung, 164 (1959) 467-472

Hein, Wolfgang-Hagen: Der junge Alexander von Humboldt und die wissenschaftliche Pharmazie. In: Alexander von Humboldt. Leben und Werk. Hrsg. von Wolfgang-Hagen Hein. Frankfurt/M. 1985, 153-166

Hesse, Volker: Goethe und die Brüder Humboldt – Medizin und Biologie. Bonn 2010

Jahn, Ilse, Lange, Fritz G. (Hg.): Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787-1799. Berlin 1973 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, 2)

Jahn, Ilse: Carl Ludwig Willdenow und die Biologie seiner Zeit. In: Wissenschaftliche Zeitschr. d. Humboldt-Univ. zu Berlin. Math.-Nat. R. XV (1966) 803-812

König, C.: Die historische Entwickelung der pflanzengeographischen Ideen Humboldts. Naturwissenschaftl. Wochenschr. X, (1895) Nr. 7, 77-81, Nr. 8, 95-98, Nr. 10, 118-124

Lack, Hans Walter: Das Poesiealbum von Carl Ludwig Willdenow. Botanik in Berlin um 1790 im Spiegelbild. Museums Journal 11 (1997), 66

Lack, Hans Walter: Alexander von Humboldt und die botanische Erforschung Amerikas. München, Berlin, London, New York 2009

Moheit, Ulrike (Hg.): Alexander von Humboldt. Briefe aus Amerika. 1799-1804. Berlin 1993 (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung, 16)

Rawski-Conroy, K.: Brief aus England ,Tempus edax rerum – Apotheker des 18. Jahrhunderts als Absolventen der Medizinischen Fakultät Halle, Karl Ludwig Willdenow. Deutsche Apotheker Zeitung 109 (1969) 1261-1262

Anmerkung

Bei dem Beitrag handelt es sich um die Publikation eines Vortrages, der im Rahmen der Festveranstaltungen zum 200jährigen Bestehen der Berliner „Gesellschaft für Natur-und Heilkunde“ am 10. Juni 2010 im Blütensaal des Botanischen Museums in Berlin-Dahlem sowie am 28. Oktober 2010 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gehalten wurde.

Dem Direktor des Botanischen Museums Herrn Prof. Dr. Dr. (h.c.) H. W. Lack und der Bibliothek des Museums danke ich für die freundliche Genehmigung, die Schriften Willdenows abfotografieren zu dürfen (Abb. 4-10) und für freundliche Beratung. Der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin danke ich für die Überlassung des Willdenowportraits von Leopold.

Autor

Prof. Dr. med. Volker Hesse
Deutsches Zentrum für Wachstum, Entwicklung und Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter (Deuz-WEG), Berlin
Gotlindestr. 2
D-10365 Berlin

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